Überall das selbe Rezept
Gregor Heussen und die Formatierung des Fernsehens
(von Ulli Schauen, für "Cut" März 2007
Wer sich über die Formatierung der Informationssendungen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens informiert, stolpert irgendwann über den Journalismus-Dramaturgen Gregor Heussen, der einen großen Marktanteil bei der Schulung und Beratung von Redaktionen hat, von der zentralen Fortbildung über das Rheinland-Pfalz-Journal und ZDF-arte bis hin zur Tagesschau/Tagesthemen-Redaktion. Ein kritisches Porträt.
Der Mann hat Übung im Kritisieren.
Eigentlich hatte er die DVD mit dem 30-Minüter aus dem WDR-Fernsehen nur deswegen gestartet, damit auf dem TV Bildschirm im Hintergrund unseres Titelfotos etwas zu sehen ist. Aber parallel zum Geplänkel mit seinen Besuchern hatte Gregor Heussen offensichtlich immer noch ein Ohr für diese Dokumentation über „Kampf gegen Abschiebung“. So ganz nebenbei stellt er fest, da laufe ja nun Einiges schief im Filmtext, der den Film mit Worten überschüttet habe.
Später dann lässt er sich erneut auf seinem bequemen Ledersessel nieder und startet noch einmal dieselbe DVD. Wenn er nicht unterwegs ist zu Trainings, Schulungen und Coachings in ARD und ZDF-Sendern - und das ist er an 120 Tagen im Jahr - dann ist hier sein Arbeitsplatz. In Pantoffeln, bestückt mit Klemmbrett und Fernbedienung analysiert er die Qualität der journalistischen Filme, die man ihm geschickt hat. Denn aus den konkreten Sendebeispielen entwickelt Heussen den Ablauf seiner Schulungen.
Schon nach fünf Sekunden drückt er die Stopptaste. „Da ist ja schon ganz viel passiert“, sagt er, und mit „passiert“ meinte er offensichtlich „verunglückt“. Der Text des Features kam viel zu früh, noch bevor sich überhaupt die Zuschauer im ersten Bild orientieren konnten. Und dann hat das Werk auch noch mit einer trockenen Ortsmarke begonnen, wie eine Zeitungsnachricht, die aber bei TV-Beiträgen nicht in die Geschichte hinein ziehe, sagt Heussen.
Fünfzehn Sekunden nach dem Vorspann steht der Film schon wieder auf Pause. Heussen moniert vier handwerkliche Fehler im Kommentartext und in seiner Kombination mit dem Fernsehbild. Fatalerweise sind dies alles Fehler, die den Kern des Filmes betreffen. Die Schnitzer verhindern, dass die Zuschauer sich emotional mit der bosnischen Familie verbünden, um deren Abschiebung es in dem Bericht geht.
Das Werk hat ihm eine Kölner Redaktion zur Vorbereitung eines Trainings geschickt, bei dem es um das Texten gehen soll. „Die Redakteure müssen den Autoren zu einem besseren Text verhelfen, dafür brauchen sie objektive Kriterien, es hilft nicht, lediglich zu sagen 'Der Text gefällt mir nicht'.“
Der Erzählsatz-Erfinder
An „objektiven Kriterien“ hat Heussen eine ganze Menge zusammengestellt. Von den „17 Funktionen des O-Tones“ und seines Antextes bis zu den den „Zehn Regeln des Textens“.
Sein „Erzählsatz“ ist diejenige Regel, die sich wohl am stärksten in den Köpfen der Fernsehmacher eingenistet hat. Auch journalistische Filme, postuliert er, müssen sich an die Regeln der Spielfilmdramaturgie halten - immer. Es gelte, die Recherchen so durchzuarbeiten, dass ein „Erzählsatz“ für den Film formuliert werden kann - immer. „Erzählsatz“, das ist einer der Begriffe, deren Schöpfung Heussen sich auf die Fahne schreibt, neben der „Textperson“ oder den „roten Fäden“, von denen er in langen Filmen gleich mehrere sieht. Seine Begriffe durchdringen den deutschen TV-Journalismus inzwischen so wie kalter Espresso die Löffelbiskuits.
Ganz wie im Spielfilm
Der Heussensche „Erzählsatz“ hat immer eine Hauptperson - die auch ein Sachthema sein kann. Die Hauptperson muss sich einer Herausforderung stellen und macht im Laufe des Beitrages eine Entwicklung durch, sie wird beschrieben mit zwei Attributen, der Film erzählt die Geschichte entlang von an roten Fäden auf Schauplätzen und mit Nebenfiguren - immer.
Würden wir einen Film drehen wollen über das Thema dieses Artikels, so müsste er nach Auffassung unseres Protagonisten Heussen also einen „Erzählsatz“ haben, zum Beispiel diesen: „Ich erzähle euch die Geschichte von den unsicher gewordenen Rundfunksendern als Hauptfigur. Die Sender stehen vor der Herausforderung, ihre Zuschauer zu binden und zu gewinnen. Einer der filmischen Schauplätze des Dramas ist der Raum, in dem Redakteure Filme von Autoren abnehmen. Die Autoren und Autorinnen sind Nebenfiguren der Dokumentation. Die Hauptfigur verändert sich: sie entscheidet sich, Ratschlägen von externen Experten zu vertrauen und nicht mehr intuitiv und ungeplant zu arbeiten. Roter Faden der Doku: Ständig werden Einschaltquoten hereingereicht, die die im Minutentakt das Zuschauerinteresse wiedergeben.“
Intime Situationen in Redaktionen
„Wir haben das zweite Attribut der Hauptfigur vergessen!“ ruft jetzt ein Redakteur dem anderen zu. Dieser Satz könnte vor allem im Norddeutschen Rundfunk fallen. Denn viele Generationen von NDR-Volontären sind nämlich inzwischen durch die Heussen-Schulungen gegangen; deshalb würde der andere Redakteur sofort verstehen, was damit gemeint ist. Also kommt hier das zweite Attribut der „Hauptfigur Rundfunksender“: Sie sind verdammt dünnhäutig, diese Profis.
Wenn die Macher ihre Arbeit auf den Prüfstand stellen und Tacheles sprechen - also, wenn Gregor Heussen kommt - dann will man lieber keine Berichterstatter dabei haben.
Eine Absage handeln wir uns bei der SWR-Landesschau Rheinland-Pfalz ein. Eine „zu intime Situation“ sei das, wenn Gregor Heussen mit den Redakteuren ein Seminar macht. Da könnte ein Reporter stören. Ohgottogott, die Filmautoren des Regionalmagazins setzen ihre Beiträge der Kritik des Trainers aus. Wie peinlich: Wenn da ein unkluger Text, ein Fehler im Schnitt, eine fehl leitende Atmo, eine unpassende Musik oder ein langweiliger Film moniert wird - und wenn das aus diesem Raum dringt! Das ist so unangenehm wie ein Fleck in der Unterwäsche.
Und die arte-Redaktion des ZDF? Die Leute, bei denen sich die Schreibtische unter den Exposéstapeln biegen? Mit den Delete-Tasten ihrer Computer haben sie schon so manchen Filmemachertraum ins Daten-Nirvana geschickt, in strenger Ausübung ihrer Gatekeeper-Funktion. Sie lassen sich nicht in die Karten schauen, wenn sie die Konzepte dafür entwickeln - also bei ihren Treffen mit Gregor Alexander Heussen, den der arte-Beautragte des ZDF in die Redaktion geholt hat, zu Beratungen über „lange Formate“ oder zur Entwicklung einer neuen Sendestrecke.
Ein zweiter „Erzählsatz“ als Alternative gefällig?
„Ich erzähle die Geschichte von einem selbstbewussten Filmautor, der vor der Herausforderung steht, als Trainer anderer TV-Journalisten zu bestehen. Ein Hauptschauplatz sind Schulungsräume in Sendern. Die Entwicklung: Der Filmautor besteht die Herausforderung und wird Vollzeit-Trainer. Nebenfiguren der Handlung: Seine Kritiker und seine Fans. Roter Faden: Filmautoren stöhnen über die Folgen des Ganzen.
Seine eigenen Filme aus der Zeit seit Anfang der 70er-Jahre hat der inzwischen 67-jährige Gregor Alexander Heussen sich selten ein zweites Mal angeschaut, sagt er. Sie seien zum Teil sehr langweilig gewesen, und folgten bestimmt nicht den Regeln, die er für sich entdeckt und entwickelt hat. Das Grimme-Preis-Werk von 1974 nimmt er nicht aus.
Rezepte unpubliziert - und nicht öffentlich diskutierbar
Heussen fiel irgendwann auf, dass es nicht ausreicht, den Zuschauern recherchierte Informationen und Zusammenhänge aneinander gereiht zu präsentieren, um sie zu überzeugen. „Das ist eine Erkenntnis der Neurobiologie“, sagt er. „Menschen interessieren sich erst dann für Fakten, wenn die für diese Fakten spezifische Emotion in ihnen geweckt wurde.“ Und das gehe nur nach althergebrachter Art - durch Geschichtenerzählen.
Die Erkenntnis kam Anfang der 90er Jahre. Das Ende seines eigenen Fernsehschaffens für die öffentlich-rechtlichen Sender fällt ungefähr mit dieser Zeit zusammen. So lässt sich nicht nachprüfen, ob es dem Filmemacher Heussen gelänge, alle Ratschläge des Journalismus-Dramaturgen Heussen zu beherzigen.
Um überhaupt den Versuch zu unternehmen, das zu prüfen, müsste man sich in den Besitz seiner langen Skripte bringen, die er den Teilnehmern seiner Schulungen gibt. Denn publiziert hat er seine Ideen bisher nicht. Er sei einfach noch nicht dazu gekommen, sagt Heussen, er beginne aber damit, Texte auf seine Website zu stellen, wo sie gegen Honorar herunter geladen werden können. Es gebe aber noch einen weiteren Grund: Die Skripte, die er bisher geschrieben hat, seien ohne den Besuch des Seminares nicht verständlich.
Die Gründe des Heussen-Erfolgs
Heussens Theorien, die er aus der Lektüre von Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie entwickelt hat, passen gut in die Zeit. Sie treffen auf die zunehmende Formatierung der Fernsehsendeplätze, die nur noch das ins Programm lässt, was ins Konzept passt. Das Ding mit der Emotionalität ist Gemeinplatz. Manche Redakteure legen diese Erkenntnis so aus, dass z.B. Auslandsreportagen nur dann ins Programm passen, wenn ein Deutscher als Hauptprotagonist im Ausland seine Abenteuer besteht oder gute Taten vollbringt. Heussen findet eine solche Schlussfolgerung allerdings falsch. Dass die Zuschauer emotional mitgehen, das ließe sich auch bei komplizierten Themen und fremden Menschen erreichen, sogar bei unsympathischen, sagt er. Mit den Methoden der Dramaturgie, eben mit seinen Methoden.
Begierig greifen Redaktionen nach seinen Werkzeugen und erheben ihren Gebrauch zur Norm. Es gibt Redakeure, die auf die Frage, was das Konzept ihrer Feature-Sendung sei, kommentarlos eine Datei verschicken, die die folgende Überschrift trägt: „Formular für Erzählidee, Erzählsatz und Roten Faden nach Gregor Heussen“. Autorinnen und Autoren, die diesen Featuresendeplatz beliefern wollen, tun gut daran, sich in Heussenismus fortzubilden, damit sie verstehen, was die letzte Zeile des Formulars bedeutet. Dort steht „Der Kommentartext hat folgende Erzählfigur/Perspektive“. Auch das wieder eine Heussen-Schöpfung. Er denkt, dass es gut für den journalistischen Film ist, wenn die Perspektive des Filmtextes von vorne bis hinten die selbe ist. Dafür soll man sich eine konkrete Person vorstellen, eine „Textperson“. Ob nun ein „wohlwollender Freund“ die Geschichte erzählt, eine „alte Tante“, ein „anklagender Staatsanwalt“ oder ein „Engel auf der Wolke“, die Zuschauer müssen wissen, woran sie sind, meint Heussen.
Nach eigener Schätzung schult er jährlich zwischen 300 und 400 Fernsehmitarbeiterinnen und Mitarbeiter, was einen ziemlich hohen Marktanteil an Schulungen ergeben dürfte. Nur weniges davon lässt sich aus den Seminarkalendern von TV-Ausbildungsstätten heraus lesen, wie z.B. der ARD.ZDF-Medienakademie , der Filmhochschule Ludwigsburg , der Akademie der Bayerischen Presse .
Die meisten Tage hingegen ist Heussen für die senderinterne Aus- und Fortbildung unterwegs, häufig auf Anfrage von Redaktionen. Die Kundenliste ist fast schon wie ein Who is Who des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Im Laufe der Jahre war er schon in jedem ARD-Sender, sagt er. Die NDR-Regionalmagazine für Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein arbeiteten nach seinen Methoden, in Guido Knops ZDF-Geschichtsfernsehfabrik weilte er schon, und auch bei „37 Grad“. Für den WDR nennt er die Redaktionen Frau TV, die Kirchenredaktion und die Wissenschaftsredaktion als Stammkunden. Aber auch die Wissenschaftsredaktion des WDR-Hörfunks verteilt eine Standarddramaturgie für ihre längeren Formate, die stark an Heussen angelehnt ist - eine späte Auswirkung von Besuchen einzelner Redakteure bei einem Seminar der ZFP - jetzt ARD.ZDF-Medienakademie.
Ächzen unter Heussen's Folgen
Im Westdeutschen Rundfunk schulte Heussen in den vergangenen Jahren ausschließlich auf Anforderung von Redaktionen - und zwar gegen den expliziten Widerstand des langjährigen Ausbildungsbeauftragten Hans Diedenhofen, der zu seinen schärfsten Kritikern gehört. Dass Redakteure von Schulungen der ZFP zurückkehrten mit der Überzeugung, nur Heussen könne die Probleme ihrer Redaktion lösen - genau das machte Diedenhofen skeptisch. „Ich hatte das Gefühl, sie verehren einen Guru“, sagt Diedenhofen und mahnt an, Journalisten müssten kritische Distanz auch zu Trainern und zu Methoden bewahren. „Es gibt keine Kochrezepte, und Journalisten müssen ihre Arbeit ständig selbst in Frage stellen.“
Unumstritten ist der TV-Dramaturg Heussen auch bei freien Mitarbeitern und Produzenten nicht. Manche preisen ihn, manche ächzen unter den Folgen seiner Tätigkeit. Der freie Fernsehjournalist Michael Houben hat zusammen mit der früheren Ökologie-Redaktion des WDR mehrere Heussen-Trainings mitgemacht. Er ist sehr davon angetan. Auch nach 20 Jahren Erfahrung sei es ihm bei der Kritik von Sendungen, bei denen er mitgewirkt hatte, „wie Schuppen von den Augen“ gefallen. Toll findet er die Perspektive, den Filmtext mit Hilfe einer fiktiven „Textperson“ zu schreiben. Das eröffne neue Möglichkeiten, einen Film auch mal frecher zu texten. “Der Kumpel in der Kneipe kann sich im Filmtext andere Aussagen erlauben als der ewig anklagende Journalist.“ Seine Filmbeiträge seien nach vier Heussen-Seminaren anschaubarer und unterhaltsamer geworden, sagt Houben. Aber er nimmt es nicht so eng: „Es sind methodische Angebote. Der Film kann auch mal zwei Erzählsätze haben, zum Beispiel.“
Doch wehe, ein Filmautor, der seit Jahren erfolgreich intutitiv arbeitet, trifft auf unsouveräne heussenisierte Redakteurinnen und Redakteure. Ein TV-Produzent aus dem Ruhrgebiet, der seinen Namen hier lieber nicht lesen möchte, hat selbst bei einem Heussen-Seminar mitgemacht - mit persönlichem Gewinn - und anschließend unter den Verbiesterungen seiner Aufraggeber gelitten: „Das sind Redakteure, die noch nie selbst einen Film gemacht haben, aber nach der Schulung meinen, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. die tragen diese Methodensammlung wie eine Bibel vor sich her.“ 10 Tage habe die redaktionelle Arbeit am Text eines Halbstundenfeatures gedauert, bis die Redakteurin schließlich einverstanden gewesen sei. Dabei sei um jedes Wort der „Textperson“ gerungen worden. Ist ja auch schwer, wenn man es nicht pragmatisch sieht. Sagt der fiktive „Kumpel in der Kneipe“ eher „obgleich“ oder „obschon“? Sagt er „aber“ oder lieber „jedoch“? Dem Autor war es egal, der Redakteurin nicht, sie feilte und feilschte.
Zuvor hatte es andere Schwierigkeiten mit dem Feature gegeben. Der vereinbarte „Erzählsatz“ hatte sich bei den Dreharbeiten auf einem anderen Kontinent als falsch herausgestellt - nicht mit der Realität vereinbar. Die Redaktion verweigerte erst einmal die Abnahme und die Bezahlung, bis nach hartem Streit es doch wieder okay war.
Ein kleiner Produzent aus Köln berichtet über ähnliche Erfahrungen mit einer eher verwirrten „Erzählsatz“-Redaktion: In der ersten Abnahme löste der von ihm produzierte Film spontanes Lob und Jubel bei der Redakteurin aus. Aber dann folgten vier weitere Abnahmen unter Einbeziehung des Redaktionschefs, und dazwischen neue Schnittversionen. Konkrete Änderungswünsche gab es allerdings nicht, dafür aber spendeten die Kollegen lange allgemeine Vorträge über die gewünschten dramaturgischen Effekte. Resumé des Auftragnehmers: „Alles zu schematisch, Anregungen von Drehbuchseminaren haben sie weiter gegeben, aber konkret auf den Film sind sie nicht eingegangen. Und so viel wurde schließlich gar nicht am Film geändert.“
Dramaturgie als Kontrollinstrument
Heussen empfiehlt seinen „Erzählsatz“ als „dramaturgischen Vertrag“ über ein noch zu drehendes Werk. Das kann als Instrument benutzt werden, die Wirklichkeit planwirtschaftlich in die Sendeformate einzupassen, ein wirksames Kontrollinstrument der Arbeit von Autorinnen und Autoren. Die wiederum geraten Versuchung, sich nur mit den Scheuklappen des vertraglich vereinbarten Filmablaufs der Realität zu nähern. Neue Beobachtungen könnten den vereinbarten Film, den Vertrag und damit ihr Einkommen gefährden. Außerdem bringen erhöhte Vorleistungen die Filmautoren finanziell in die Klemme. Den „Erzählsatz“ sollen sie häufig als erstes liefern, um überhaupt den Auftrag zu bekommen. Im Einzelfall ist dies ein enormer Aufwand, der ihnen nicht bezahlt wird - auch nicht nach Auftragsvergabe.
Das sei allerdings alles so nicht gemeint, sagt Heussen. Natürlich soll der „Erzählsatz“ sich streng nach den recherchierten Tatsachen richten und jederzeit geändert werden können. Dick umrandet steht das unter der Überschrift „Vorläufiger Erzählsatz“ in seinen Skripten. Natürlich sei die dramaturgische Recherche des „Erzählsatzes“ nicht Voraussetzung für eine Auftragsvergabe - denn man könne jedes wichtige Thema dramaturgisch wirkungsvoll darstellen. Natürlich bedauert auch er, dass Exposés nicht bezahlt und die Honorare für Filme jahrelang nicht erhöht wurden. Und natürlich müsse es in Filmen nicht immer um Beispielpersonen und ihre Geschichten gehen, sondern es könnte auch ein komplizierter Sachverhalt die Hauptfigur der Erzählung sein.
Und natürlich (so sagt Heussen) hat der Leiter der WDR-Wissenschaftsredaktion, Thomas Hallet, irgendetwas nicht ganz richtig verstanden. Hallet meint nämlich, dass seine Sendung „Quarks & Co“ nach einem Heussen-Coaching zwar viel besser, aber schließlich doch ein bisschen langweilig geworden sei, weil die Redaktion eine Weile ausschließlich Beiträge nach „Erzählsatz“ gesendet hatte. Heussen hingegen: „Gerade weil die Struktur so einfach und schlicht ist, ermöglicht sie doch, dass die Geschichten so unterschiedlich werden.“
Selbst bei Tagesschau und Tagesthemen ist Heussen angekommen - über „ARD Aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke. Gniffkes erste Heussen-Begegnung ist zehn Jahre her, und nun schult er selbst in der ZFP, nach denselben Regeln, die er für kurze Formate etwas abgespeckt hat. Wie gehabt: Eine Geschichte erzählen von einer Hauptperson, die eine Herausforderung bestehen muss und eine Wandlung mitmacht. Ob Nahost oder Gesundheitsreform, sogar jeder Anderthalbminüter in der Tagesschau soll nach Gniffkes Auffassung diesen Spielfilmregeln folgen: „Es zeigt sich immer wieder, dass es gelingt, das Drama im Thema zu finden und zu recherchieren. Und das Schöne an der Dramastruktur ist: Es zwingt zu höchster journalististischer Präzision, sich täglich die Frage zu stellen, wer bei einem bestimmten Nachrichtenthema im Moment das größte Problem hat, und der wird zur Hauptfigur.“
Mit Begriffen wie „Textperson“ und „Erzählsätz“ konfrontiert Gniffke die Korrespondenten und die ARD-Aktuell-Redaktionen in den Sendern allerdings nicht. Kollegen wie Werner Sonne könne man damit nicht kommen, sagt Gniffke. Aber er möchte, dass die Hamburger Redakteure in einem „fundierten Feedback ohne Heussen-Sprache“ die Zulieferer immer mal wieder fragen, wer denn die Hauptrolle spielte in dem Tagesschau-Beitrag, und was das Problem und die Story waren. Gniffke drückt es so aus: „Mit einer geländegängigen Terminologie“ lasse er das „in die ARD einsickern“.
Tiramisu alla Heussen, ganz leise zubereitet.
Links:
Dieser Artikel, mit Fotos, auf der Website von CUT
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