| |
 |
Vereint um ein mächtiges Kabelgewirr: Beim Internet-Wettbewerb des Prix Europa stellen Europas Sender ihre multimedialen Internetaktivitäten vor. Foto: Birgit Krause |
Die Fesseln, die die Politik den Internetmachern der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland angelegt hat, zeigen Wirkung. Beim Internet-Wettbewerb des Prix Europa in Berlin mussten sie zuschauen, wie insbesondere die Kollegen und Kolleginnen aus den Niederlanden, aus Skandinavien, Großbritannien und Belgien auf der Klaviatur des Netzes spielen.
p(); Aus dem deutschsprachigen Raum kamen unter die ersten zehn von nur 23 nominierten Sites im Urteil der Jury lediglich der beeindruckend gut gemachte multimediale Rundgang des ZDF durch die Dresdner Frauenkirche (achter Platz: (zdf.de/ZDFxt/module/frauenkirche/index.htm) sowie die Website des Schweizer Auslandsradios SRI. Auf ihr können Schweizer Emigranten auf pfiffige datenbankgestützte Weise ihren Wurzeln nachspüren www.swissroots.org).
Internet bei ARD und ZDF, das heißt vor allem: Nachrichten und Berichte aus den Sendegebieten, mal mehr, mal weniger web-gerecht präsentiert. Außerdem gibt es Begleitmaterial zu den Sendungen, vielleicht angereichert mit ein paar interaktiven Elementen wie Foren, Chats und Voting. Anders als zum Beispiel beim Schwedischen Fernsehen www.svt.se/opinion), wo alle Aktivitäten gebündelt werden, machen viele Sendungsredaktion ihren eigenen Chat und ihr eigenes Forum auf, statt die Identität der Sender-Website mit solchen Aktionen zu stärken.
Die Aufwendungen der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender für das Internet hat die Politik zudem – als Reaktion auf die Kritik der kommerziellen Konkurrenz – auf 0,75 Prozent des Etats beschränkt – das waren im Jahr 2004 insgesamt rund 52 Millionen. Euro.
 |
 |
Der Sieger in der Mitte: die Fantastischen Geschichten aus Dänemark. Links der ausgezeichnete ZDF-Auftritt zur Dresdner Frauenkirche, rechts die Zusammenarbeit der BBC mit der Blogger-Szene. |
Wissenstrend. Anders bei der BBC: Allein für ihre diversen Lern-Websites unter Namen wie Jam oder Bitesize www.bbc.co.uk/schools/gcsebitesize) gab sie 2005 mit Billigung des britischen Kulturministeriums genau so viel aus wie die deutschen Öffentlich-Rechtlichen für alles zusammen – und das zusätzlich zu den 107 Millionen Euro, die der „normale“ Betrieb von bbc.co.uk kostete.
Bei der Vorbereitung zur Schulabschlussprüfung GCSE, die die Schüler mit 16 Jahren ablegen, leistet Bitesize Hilfe, und das mit einem ganzen Feuerwerk von Informationsmaterial in Multimedia. In Flash programmierte Spiele machen auf der Website das Pauken kurzweiliger als eine Nachhilfeschule. Alles ist online kostenlos verfügbar. Deshalb stand das Projekt „Digital Curriculum“ von Anfang an unter Beschuss von Verlagen wie Pearson und Granada, die Lernmaterial für Schulen produzieren und die Konkurrenz fürchten. Doch darum ist es nach Auskunft von britischen Journalisten relativ ruhig geworden. Bitesize sei einfach zu gut gemacht und zu stark akzeptiert in der britischen Öffentlichkeit, als dass die Kritik der kommerziellen Konkurrenz den BBC-Unternehmungen noch etwas anhaben könnte. Zudem achten die BBCler darauf, die Kommerziellen bei der Produktion des E-Learning-Materials gut mit Aufträgen zu bedenken. Als Obergrenze für den Marktanteil am Lernstoff hat die britische Regierung der BBC 50 Prozent gesetzt.
Bloggerszene. Die Wissens-Website von Thomas Weibel durfte dem gegenüber nichts kosten. Der Mann vom Schweizer Kulturradio DRS 2 passte das Design für seine von kostenloser Weblog-Software betriebene Site selbst und alleine an. Mit
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.
www.blog.drs2.ch) macht das Kulturradio Gehversuche in Sachen Interaktivität und „User Generated Content“. Experten und Nutzer können hier Fragen und Antworten auf alle möglichen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Fragen zusammentragen.
Von Nutzern erstellte Inhalte sind eine der großen Zukunftshoffnungen der Webbranche, und damit auch der Rundfunksender. Wie virtuos damit umgegangen werden kann, zeigte BBC Radio 1 bei der Website zum Open-Air Pop-Festival Radio 1 Big Weekend www.bbc.co.uk/radio1/bigweekend06), das im Mai 2006 in Dundee stieg. Rechtzeitig vor dem Festival scannten die Redakteure das Netz und machten die in der schottischen Region ansässigen Blogger aus. Den besten Bloggern schenkten sie VIP-Freikarten, damit sie ihre Meinungen und Beobachtungen zum Festival ins Netz stellen. Klar, dass die dankbaren Blogger auch fleißig auf die BBC-Site verlinkten. Der erhoffte Schneeballeffekt kam in Gang: Blogger weltweit verlinkten auf die lokalen Blogs vom Festival – und auf die BBC-Website. Über 400 Videos auf den Community-Sites YouTube und Googlevideo und genau 2392 Fotos auf der Site Flickr zählten die Festivalmacher. Über einen Web-Stream des Konzertes sowie in einer speziell designten Umgebung des Online-Spiels Secondlife konnten Fans virtuell an den Konzerten teilnehmen. 600.000 Nutzer machten davon Gebrauch. Konzertmitschnitte der BBC waren bis sieben Tage nach dem Festival auf der Website verfügbar.
Die herunterladbaren Mitschnitte, die hoch geladenen Videos und auch manche Fotos – all das war nicht so ganz vom Urheberrecht gedeckt, geben die BBC-Macher zu. „Pushing the boundaries“ nennen sie ihren Ansatz. Redakteur Daniel Heaf: „Die Musikindustrie weiß inzwischen, dass sie so etwas ohnehin nicht verhindern kann. Im Web bekommt man jede Art von Musik als Download.“ Mit den Folgen konnte Daniel Heaf zufrieden sein. Nach seinen Angaben vervierfachte sich durch die Webaktivitäten der Bekanntheitsgrad des Festivals. Während der Konzerte stieg der Web-Traffic in Schottland um 13 Prozent.
 |
 |
Beim niederländischen Videotalent setzt man auf „User-Content“. Die Redakteure bei thuis.bnn.nl filmen dagegen ihren WG-Alltag. |
Vertragsexperiment. Mit „User Generated Content“ operiert auch die Website videotalent.nl des holländischen Senders NCRV. Obwohl die Redakteure die Videos auswählen, bevor sie ins Netz kommen, schafften es in vier Monaten seit dem Start schon 400 selbst gemachte Videos auf die Site www.videotalent.nl). Der Anreiz zum Mitmachen: Von den allerbesten Videos fordert der Sender ein DV-Band an. Es wird dann in einer Fernsehshow gezeigt. Eine billige Sendung. Ein Honorar für die Videomacher gibt es nicht. Mit der holländischen Verwertungsgesellschaft für Musik hat das niederländische Fernsehen einen „experimentellen Vertrag“. So nennt Redakteur Wouter van Amerongen das.
p(); Auch Danmark Radio hat es geschafft, seine Hörer und Zuschauer intensiv in das Geschehen einzubinden. Einen Riesenerfolg hatte der Aufruf des Senders an die Dänen, von ihnen erlebte Geschichten zu mailen, die auf fast unglaublichen Zufällen basieren. Mittlerweile lassen sich auf der Website über tausend „fantastische Geschichten“ nachlesen. Die Radio-, Fernseh- und Webredakteure besuchten die Autorinnen und Autoren der besten Geschichten und produzierten mit ihnen Video- und Audiobeiträge für alle drei Medien des Senders. Auf der Website ist eine Dänemarkkarte mit tausend roten Punkten zu sehen. Wer darauf klickt, erfährt die Story zum Ort www.dr.dk/Fantastiske/forside.htm). Die Fantastischen Geschichten von Danmark Radio überzeugten die Jury beim Prix Europa. Dafür gab’s den ersten Preis.